Sonderleseprobe

Blood.Line.Prequel

Teil III

NOCTEM.MORTIS

TodesNacht

Isobel Nex

Kapitel 1

Philippe presste sich die linke Hand auf die Wunde in seinem seitlichen Oberbauch. Einer der Jäger hatte ihn im ungünstigsten Moment des Kampfes mit der Klinge erwischt. Der Schnitt brannte wie Feuer, aber er hatte noch Glück im Unglück gehabt, denn die Klinge hätte auch mit dem für Vampire lähmenden Nervengift, das die Medici so gerne nutzten, versehen sein können.

Nur mit Mühe und Not hatte er es mit dem Kind aus der Wohnung geschafft, nachdem diese von den italienischen Jägern gestürmt worden war.

Seine rechte Hand krallte sich immer noch um Katharinas Katana, das er sich am Ende zur Verteidigung gegriffen hatte, kurz bevor die Angreifer das Feuer eröffnet hatten und er mit Louis im Arm im Akt der Verzweiflung aus dem mit Zeitungspapier verklebten Fenster gesprungen war.

Die Sonne hatte sich zwar schon eine Weile im Niedergang befunden, jedoch war das Licht noch nicht verebbt gewesen, so dass Philippe auf der Flucht durchs geschlossene Fenster noch einige, wenige Verbrennungen und auch Schnittwunden an den Unterarmen davongetragen hatte. Nicht auszudenken, wie es ausgegangen wäre, wenn diese Jäger nur eine knappe halbe Stunde früher eingedrungen wären!

Das leise Rauschen des Flusses direkt neben ihnen übertönte jegliche anderen Geräusche, aber sie waren im Dunkel der Bäume vorerst vor der Entdeckung geschützt. Und er glaubte nicht, dass sie sie hier, im Grunde noch so nah an der Wohnung, vermuten würden. Man konnte das Mietshaus sogar noch sehen.

Louis kauerte im Schlafanzug, der an manchen Stellen zerschlissen und im Brustbereich mit Blut beschmiert war, barfuß im Gras und krallte sich ins Hosenbein des Vampirs. Mit den Händen hatte er sich das Blut der von ihm angefallenen Jäger im Gesicht verschmiert und hinterließ nun Abdrücke an der Kleidung seines Vaters. Das dunkelblonde, etwas längere Haar des Jungen war ganz zerzaust und er schien sich immer wieder nervös umzusehen, ob von irgendwoher vielleicht noch Gefahr drohen könnte.

Dieser kleine Junge hatte eben einen Jäger ausgesaugt und drei weitere schwer verletzt. Sein Sohn war ausgesprochen flink, als sei er nicht erst zwei Jahre alt.

Philippe sah ihn kurz an, versuchte dann aber seine Gedanken so zu ordnen, wie sie nun am besten vorgehen sollten, denn sie würden nicht hier, am Ufer des Iton, unterhalb dieser Brücke stehen bleiben können. Da er aber noch nichts getrunken und damit nicht genug Kraft hatte, um seine Verletzungen so schnell heilen zu können, würden sie jedes Risiko vermeiden und sich schnell nähren müssen.

Was war mit Katharina geschehen? Und wo war Sara? Waren die beiden kurz vor dem Einbruch der Jäger aus der Wohnung gegangen? Wenn ja, wohin? Katharina hatte weder einen Zettel dagelassen, noch hatten sie gestern Nacht darüber gesprochen, dass Besorgungen zu tätigen waren. Oder hatten die Jäger sie womöglich erwischt?

Die Autos mit den Scheinwerfern auf der anderen Uferseite fuhren ohne Notiz von ihm oder dem Jungen zu nehmen, über den Asphalt. Um diese frühe Abendstunde waren die Straßen meistens noch gut befahren.

Der Vampir drehte den Oberkörper und biss sogleich zischend die Zähne zusammen, so dass sein Sohn zu ihm aufblickte. Dann löste er die Hand von der Wunde am Oberbauch und schnaufte. Jede Bewegung schmerzte und er verlor wohl doch noch zu viel Blut, als dass es nicht irgendjemandem, der sie womöglich verfolgte, als Spur ausreichen könnte.

 „Papa…“

Philippe bückte sich mit Schmerz verzerrtem Gesichtsausdruck nach dem Jungen, der ihm die kleinen Arme um den Hals legte und sich hochnehmen ließ. Vom Arm seines Vaters hatte er einen besseren Blick und schaute sich wieder suchend um.

Sie mussten hier sofort weg. Das bemerkte sogar das Kind…

Im Halbdunkel des noch frühen Abends trug er seinen Sohn zuerst weiter am Flussufer entlang, dann mit schnellerem Schritt und eng am Körper getragenen Katana über den Boulevard de Normandie zu einem großen Supermarkt, den er und Katharina kürzlich zum Einkaufen genutzt hatten. Niemand hatte Notiz von ihnen genommen, als er sich mit dem Kind zu den abseits gelegenen Parkplätzen in Ufernähe schlich. Dort legte er das Katana im Gras ab und wartete ungeduldig auf eine günstige Gelegenheit, um sich ein Auto und dessen Besitzer, sowie dessen Kleidung und soweit möglich auch ein Mobiltelefon anzueignen.

Mit vorher im Fluss notdürftig gewaschenen Händen strich er dem Jungen das Haar einigermaßen glatt und wischte ihm das Blut aus dem Gesicht.

„Papa braucht möglicherweise bald deine Hilfe Louis…“, sagte er zu dem Jungen und sah ihn eindringlich an. Das Kind nickte.

Die beiden Vampire mussten nicht lange warten, bis ein Mann auf den Jungen im zerschlissenen, mit Blut befleckten Schlafanzug aufmerksam wurde und dem Kind, das ihn eben noch auf dem Parkplatz angestarrt hatte, um sein Auto herum, zum Flussufer hinterher ging.

Nachdem der Mann, attackiert von zwei Vampiren, sein Leben ausgehaucht hatte, tauschte Philippe mit ihm das Hemd, um nicht mehr aufzufallen.

Kaum, dass er die Leiche in den Kofferraum gehievt hatte, parkte ein weiteres Auto nur zwei Plätze weiter. Eine Frau stieg aus und noch bevor sie die Autotür richtig schließen konnte, hatte Louis sie angesprungen und ihr die Zähne in den Hals geschlagen. Die Frau schrie auf, so dass Philippe sie packen und ihr den Mund zu halten musste, während er selbst ebenfalls die Gelegenheit nutzte.

Sie sank bewusstlos zu Boden, nachdem er seine Eckzähne wieder aus ihrer Haut gezogen hatte.

Unter den Blicken seines Sohnes, der neben ihm stand, lauschte er kurz ihrem schwächer werdenden Puls und brach ihr schließlich das Genick. Sie wäre ohnehin gestorben und er hätte sie nicht hier liegen lassen können.

Gefüllt mit nun zwei Leichen wurde der Kofferraum verschlossen.

Beim Durchsuchen ihrer Handtasche eignete sich der Vampir ihr Mobiltelefon, sowie das doch recht üppig vorhandene Bargeld aus ihrer Geldbörse an. Den Wagen der Frau, in dem nun ein winzig kleiner Hund bellte, ließ er unverschlossen stehen und wollte schon nach Louis greifen, doch der Junge hing plötzlich an der Scheibe und wollte die Autotür aufziehen, um an den Hund zu gelangen.

„Nein, Louis, kein Haustier!“ mahnte Philippe und setzte seinen Sohn in das Auto des ersten Opfers. 

Er hatte im Falle, dass sie sich unerwartet trennen mussten, einen Treffpunkt mit Katharina vereinbart, den er nun mit sorgenvoll pochendem Herzen und mit den beiden Leichen im Kofferraum ansteuerte. Dabei tätigte er einige Anrufe mit dem Mobiltelefon. Neben den Bankgeschäften, die er bei jeder Flucht regeln musste, galten mehrere Anrufe dem Mobiltelefon von Katharina. Er sprach ihr auf die Mailbox, da sie einfach nicht abnahm, dass er sich mit Louis auf den Weg zum Treffpunkt gemacht hatte und sie dort erwartete. Das Mobiltelefon könnte er nicht weiter benutzen, weshalb sie ihn nicht zurückrufen sollte.

Louis saß noch mit Blut verschmiertem Kinn vom letzten Opfer eben auf dem Beifahrersitz und starrte seinen Vater stumm an. Philippe reagierte nicht, so dass Louis sich auf dem Sitz hoch und wieder herunterdrückte und seinen Vater dann ansah.

Als dieser seine Telefonate beendet hatte, kreisten die Gedanken erneut nur um Katharina und seine Tochter. Wo waren die beiden jetzt? Waren sie ebenfalls schon auf dem Weg zum Treffpunkt oder mussten sie sich noch irgendwo verstecken? Hatte Katharina einen Wagen auftreiben können?

Es entging ihm völlig, dass Louis irgendwann aufgestanden war und anfing, mit seinen vom letzten Mahl immer noch blutigen, kleinen Fingern an die Seitenscheibe zu tippen und schließlich ein Strichmännchen mit Kleid aufmalte. Dann sah er seinen Vater wieder an, der jedoch weiterhin nicht auf ihn reagierte und leckte sich die Finger ab.

Was, wenn Katharina keinen Wagen hatte finden können? Dieser Gedanke formte sich permanent in Philippes Gedanken. Der Vampir atmete laut aus und blickte wie in Trance kurz zu seinem Sohn auf dem Beifahrersitz.

„Setz’ dich bitte, Louis. Das ist zu gefährlich…“, sagte er ganz erschrocken darüber, das Kind auf dem Sitz stehen zu sehen.

Er zog dem Jungen am Rücken des Schlafanzugoberteils, so dass sich das Kind wieder hinsetzte und ihn weiter anstarrte. 

Auf dem kleinen Parkplatz am Feld vor der abseits gelegenen, kleinen, katholischen Kirche de la Sainte – Trinité in Saint-Illiers-le-Bois musste Philippe dem Jungen zunächst dabei helfen, sich zu erleichtern, bevor er die beiden Leichen aus dem Kofferraum heben und zusammen mit dem ausgeschalteten Mobiltelefon der Frau zwischen dem umliegenden Feld und der halbhohen Friedhofsmauer mit einer glücklicherweise unsachgemäß vor der Kirchentür abgestellten Schaufel vergraben konnte.

Louis spazierte im Feld herum, fing eine Spitzmaus und trug sie zu seinem Vater.

„Papa, eine Maus. Hier ist sie!“

Die Maus war durch den festen Griff des kleinen Vampirs bereits verendet und hing leblos in dessen Hand.

Philippe beachtete den Jungen gar nicht und grub weiter an dem tiefen Loch, bis er die daneben abgelegten Leichen hineinstieß.

„Warum vergräbst du sie, Papa?“ fragte das Kind, als der Vampir die Körper mit Erde zuschüttete.

– „Weil sie tot sind, Louis.“

„Warum sind sie tot?“

– „Weil wir von ihnen getrunken haben. Stör mich jetzt nicht, sie dürfen nicht gefunden werden. Geh und setz dich da drüben hin.“

Der Junge sah ihn an und kurz zurück zu den Toten unten in ihrem namenlosen Grab, bevor er die tote Maus, die er immer noch in der Hand hielt, mit kritischem Blick beäugte, das zerquetschte Tier hineinwarf und dem Geheiß seines Vaters folgte.

Im Auto warteten die beiden Vampire dann fast bis in die Morgenstunden. Louis schlief schon eine Weile auf dem Rücksitz.

Doch Katharina kam nicht.

Philippe atmete schwer ein und aus. Sie hätte genug Zeit und Möglichkeiten gehabt, schnell zur Kirche zu kommen…

Er wandte sich um und sein Blick fiel auf das Kind.

Im Nachbarort ließ er das Auto stehen und bezog, ohne sich legal anzumelden, ein leerstehendes Zimmer in einer Pension. Gerade noch rechtzeitig, bevor die ersten Sonnenstrahlen zu sehen waren, hatte er die Fenster so verdunkelt, dass von außen nichts Auffälliges zu erkennen war.

Nachdem er das Kind und sich selbst in der Badewanne gewaschen hatte, legte er den Jungen, der vor Müdigkeit kaum mehr die Augen offenhalten, geschweige denn in der Wanne hatte sitzen können, ins Bett und versuchte mit der restlichen, noch vorhandenen Seife am Waschbecken so gut es ging, den zerschlissenen Schlafanzug zu säubern. Sie brauchten beide neue Kleidung, darum würde er sich am Abend direkt nach dem Mahl oder sogar noch davor kümmern müssen.

Er starrte in den trüben Wandspiegel, als ob ihm sein bleiches Ebenbild einen guten Rat geben könnte. Ergebnislos und schnaufend ließ er sich leise und vorsichtig, um das Kind nicht zu wecken, aufs Bett gleiten.

Die Decke war mit weißen Kunststoffplatten mit sichtbarer Holzmaserung ausgekleidet. Er starrte lange nach oben an diese Decke und fand nicht in den Schlaf, den er genauso nötig gehabt hätte, wie sein Sohn.

Die Angst, die er zuvor noch mehr oder weniger erfolgreich hatte wegschieben können, überrannte ihn nun und drückte ihn mit schierer Gewalt in die Matratze. Er versuchte sich noch einzureden, dass Katharina dann vielleicht erst am Abend bei der kleinen Kirche sein würde, denn sie konnte sich mit Sara, trotz deren neu aufkommender Lichtempfindlichkeit ohne größere Schwierigkeiten bei Tage bewegen. Aber der Blick zu seinem Sohn, der tief schlafend neben ihm lag, holte ihn zurück in die Realität.

Das Gesicht in den Händen vergraben, ergriff die Panik nun Besitz von ihm und er kämpfte gegen die blutigen Tränen an, die in seinen Augen schon mit rötlichem Glitzern zu erkennen waren.

Philippe sah den Jungen wieder an und konnte die Tränen jetzt nicht mehr zurückhalten. Er zog ihn zu sich herüber, um ihn an sich zu drücken.

Ende Kapitel 1.